Die Shark
von Judy Kingsley (#606 Windrift) Juni 1994
übersetzt von Lisa Kümmel
Als Georg Hinterhöller die Shark24 entwarf, wollte er ein Boot bauen, das “wie die Hölle geht, wenn der Wind bläst”. Weil Georg Hinterhöller im österreichischen Salzkammergut aufwuchs und auch dort viel segelte, war er an leichte Kielboote gewöhnt.
Die wenigen Segelboote, die er am Ontariosee vorfand, nachdem er 1952 nach Kanada auswanderte , hatten schwere Verdrängerrümpfe (displacement hulls). Sie waren schwerfällig und hatten die schlechte Eigenschaft, die Wellenkämme des Sees wie mit einem schweren Pferd zu überspringen.
Der junge Bootsbauer war von deren Segelverhalten nicht begeistert. Er verkündete, dass es ihm möglich wäre, ein Boot zu bauen, das wendig um die anderen Segelboote Kreise segeln könnte, und so zog er sich in den Schuppen hinter seinem Heim in Niagara-on-the-Lake zurück und baute “Teeter Totter”, ein sehr steifes 22-Fuß Boot aus Sperrholz. Das war der Vorgänger der Shark. Bei viel Wind ging es wie die Hölle. Sein Erschaffer und dessen Freunde liebten es.
Sofort gab es für dieses wendige kleine Boot eine große Nachfrage, und Georg Hinterhöller verlängerte es auf 24 Fuß. Die Shark24 war geboren. Er begann Sharks aus Sperrholz in seinem Schuppen zu bauen. Rumpf Nummer 5 war für einen Kunden namens Bill O´Reilly bestimmt, der von Georg Hinterhöller verlangte, er möge das Boot aus einem für den Bootsbau relativ neuen Material bauen, aus Glasfasern (GFK). Er bot Georg Hinterhöller sogar an, ihm zu zeigen, wie dieses Material zu verarbeiten ist. Das Bauen eines Bootes aus GFK verkürzte die für den Bau eines Bootes notwendige Arbeitszeit von 128 auf 18 Stunden. Noch dazu war ein Glasfaserrumpf viel einfacher in der Instandhaltung. Dadurch wurde die Yacht leistbarer und Georg Hinterhöller und seine Shark begaben sich auf die Straße des internationalen Erfolges.
Seit damals ist die Flotte der Sharks auf ca.2000 Mitglieder sowohl am Nordamerikanischen Kontinent als auch in Europa gewachsen. Schnell wurde sie die größte One Design Kielbootflotte auf den Großen Seen und heute gibt es aktive Flotten an der Ost- und Westküste, in der Gegend von Montreal und Ottawa. Ungefähr 1000 Sharks segeln auf den Seen in Österreich, der Schweiz, Deutschland und in den schwedischen Küstengebieten.
Natürlich wurde die erste Shark etwas verändert, doch diese Änderungen sind nur kosmetischer Natur. Der schnittige Rumpf, der senkrechte Spiegel, der flache Auslauf am Heck, der Flossenkiel und das Spatenruder machte die Shark zu einem sehr schnellen Boot, das leicht die eigen Bugwelle erklimmt und dann sogar eine Geschwindigkeit von 10 Knoten erreichen kann. Die 6-Fuß Breite und die Kajüte geben Platz für einen V-förmigen Schlafplatz im Vorschiff, zwei Längskojen, eine Abwasch, Kocher und Kühlbox, wodurch die Shark zu einem handlichen kompakten Fahrtenboot wurde. Es hat einen Tiefgang von weniger als 4 Fuß, was ermöglicht, auch dort zu ankern, wo dies für Boote mit einem größeren Tiefgang nicht mehr ratsam ist.
Der schnelle Erfolg der Shark beruht zu einem großen Teil auch auf deren frühe Wettfahrtsrekorde. 1960 segelte Georg Hinterhöller mit George Steffan, dem späteren Präsidenten der Mirage Yachts, den Freeman Cup. Sie wurden dabei dreimal Erste, nutzten den frischen 18 Knoten starken Wind so aus, dass sie auf ihren Verfolger eine Kreuzschlaglänge (leg) Vorsprung heraussegeln konnten.
Beim Freeman Cup 1963 gelang der Shark dieses Meisterstück noch einmal. Für kleinere Boote war der Kurs von Niagara-on-the-Lake nach Rochester, NY, 80 Seemeilen entlang des Südufers des Ontariosees ausgelegt. In diesen Tagen gab es für die Shark weder Spinnaker noch Genua, in diesen Tagen wurde alles mit Großsegel und Arbeitsfock gesegelt.
Georg Hinterhöller meinte: “ Eigentlich glaubten wir, dass die “Thunderbirds” die größten Herausforderer wären, aber nach der ersten Gleitfahrt wussten wir, dass es für uns keine wirklichen Gegner gab. Wir schossen in nur 7 Stunden und 44 Minuten über die Ziellinie.”
1963 benützte Sid Darkin, einer der ersten Sharkeigner,einen Spinnaker auf einer Strecke quer über den Ontariosee bei der Blockhouse Bay Regatta von Toronto nach Olcott, NY, und erreichte dabei eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 10,2 Knoten, die Adrenalin in sein Blut pumpte. In dieser Wettfahrt schlug er auch die 56-Fuß lange “Innisfree” in einem Boot gegen Boot Wettkampf. Diese Geschwindigkeit machte die Segler sprachlos, die einen Halbverdrängerrumpf nicht kannten.
Regattaschiffe kommen, Regattaschiffe gehen, aber die Shark bleibt. Mit ihrem flexiblen 7/8 Rigg und der Gleitfähigkeit ist die Shark so modern wie alle anderen Boote auf dem Markt. und mit dem schweren Kiel besitzt sie eine Seetüchtigkeit, die auch zu ihrer Geschwindigkeit passt.
Hinterhöller gibt zu, dass ihre Nüchternheit eher zu einem Panzer passen, aber der Beweis für die Richtigkeit seiner Entscheidung die Shark so zu konzipieren, findet sich in ihrer Langlebigkeit. Fast jede der 2000 Sharks, die in den letzten 35 Jahren gebaut wurde, segelt noch immer, viele alte Sharkrümpfe gewinnen noch immer Regatten.
Die Shark ist in allen größeren kanadischen Fahrtensegler-Gewässern anzutreffen, aber einige Eigner sind mit ihrer Shark noch viel weiter gekommen. 1972 segelten Clive O´Connor, seine Frau und ihr 2-jähriges Töchterchen von Niagra-on-the-Lake bis nach Melbourne in Australien. Sie erreichten ihr Ziel in guter Form, sie sprachen immer noch miteinander und und das Boot wurde dann auch noch für Forschungsaufträge über das Australische Great Barrier Reef eingesetzt.
Randal Peat segelte auf seiner Shark von Windsor über den Atlantik bis nach England, befuhr die französischen Kanäle und segelte wieder zurück über den großen Teich und fuhr die Karibik ein Jahr lang ab. Er lebt noch immer, ist gesund, wenn auch ein wenig exzentrisch. Wenn Sie mit ihm korrespondieren möchten, so ist dies über StMaker@aol.com möglich. (Bemerkung des Herausgebers: Der Text des letzten Absatzes weicht vom Original insofern ab, als neue Informationen von Randals Gattin, die am 11.09.2000 erhalten wurden, darin einfließen). Als Randal nach Hause zurückkehrte, berichtete er von keinen strukturellen Beschädigungen, seine Shark war nicht Schrott, aber er brauchte neue Ruderbeschläge, den seien alten waren gebrochen.
Kürzlich erweiterte Bob Lush seine Shark am Heck um 1 Fuß, um sie auf die geforderte Minimumlänge zu bringen, damit er an der OSTAR Wettfahrt, einer Einhandregatta quer über den Atlanik teilnehmen konnte. Seine größten Probleme bei der Atlantiküberquerung war das Trübsalblasen in der Windstille und das Lauschen dem Schlappen der hängenden Segel an solchen geistzerstörenden Tagen.
Die Shark ist ein Boot, das vieles verzeiht, wodurch sie auch für Segelneulinge ansprechend ist. Und mit ihren 14 Leinen oder Fallen so leicht zu trimmen, wie es sich so mancher Segler nur wünschen kann. Die sehr aktive Klassenvereinigung (ISCA) setzte die Maße und technischen Bestimmungen aus dem Jahre 1966 beziehungsweise 1984 fest. Die Klassenvereinigung hat nach dem Vorbild anderer One Design Klassen ihr eigenes Vermessungsformular. Die Tatsache, dass sowohl alte als auch neue Sharks nach diesen technischen Bestimmungen gebaut sind, hält die Flotte lebendig und das Boot behält am Markt seinen Wert.
Die Klassenvereinigung ist international, national und regional aktiv, sie bietet den Sharkeignern, so sie Mitglied einer regionalen Flotte sind, Kontaktmöglichkeiten und ein Wettfahrtprogramm. Neben Clubregatten gibt es regionale, bundesstaatliche und nationale Shark-Schwerpunkt-Regatten. Der Höhepunkt jeder Saison ist die Weltmeisterschaft, eine Serie von mindesten sieben Wettfahrten, die an zwei aufeinanderfolgenden Jahren in Nordamerika und im dritten Jahr in Europa durchgeführt wird.
1994 würden die Weltmeisterschaften, die Don Ruddy #268 auf Dartos gewann, in Niagara-on-thr-Lake in jenem Club ausgetragen, den Georg Hinterhöller mithalf zu gründen. 56 Sharks nahmen an den Worlds 1994 teil, 1995, wurden die WM in Friedrichshafen am Bodensee ausgetragen. John Clark und Don Ruddy entschieden auch diese Meisterschaft für sich, an der auch 7 kanadische Mannschaften teilnahmen.